
Gleisanlagen im Starkfeld, nördlicher Teil
(Daten SWU, Stand Nov. 1976)
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Etwa zur gleichen Zeit, als sich in Ulm der weitsichtige Oberbürgermeister Heinrich v. Wagner für die Überwindung der Festungsgrenzen und die Ausweisung von neuen Wohn- und Gewerbegebieten einsetzte, gaben auch die Neu-Ulmer die Planung eines neuen Industriegebiets in Auftrag.
Beide Städte waren in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung durch die Bauverbote jenseits der Bundesfestung gehemmt, sahen aber die Expansionsmöglichkeiten, die sich nach dem Kauf des Geländes ergeben würden.
Wegen den unterschiedlichen Bedingungen, zu denen das Deutsche Reich die Festungsanlagen und deren Vorfeld dem Königreich Bayern bzw. den Württembergern überließen, konnte Neu-Ulm seine Grundstücke im Südosten zu einem günstigeren Preis anbieten als Ulm.
Das führte dazu, dass Ulmer Unternehmen der Stadt mit einer Ansiedelung in Bayern drohen, falls diese nicht zu Preiszugeständnissen bereit sei. Umgekehrt hatten sie gegenüber der Neu-Ulmer Verwaltung das Druckmittel der in Ulm besseren Infrastruktur, die OB Wagner durch den Bau von Industriegleisen in Aussicht gestellt hatte.
Als dann 1907 das neue Industriegebiet im Starkfeld spruchreif wurde planten deshalb die Neu-Ulmer dort gleich auch Gleisanschlüsse ein.
um 1910
Quelle: ulminfo.net - Historische Karten 1910
Die ersten Unternehmen, die sich dort ansiedelten, waren auswärtige Holzhändler und Sägewerke. Ulm war immer noch ein wichtiger Holzumschlagplatz, die nötigen großen Lagerflächen waren jedoch schon lange an einheimische Betriebe vergeben und weitere Flächen standen kaum zur Verfügung.
Von der Industriestraße aus, die von der Reuttier Straße beim Vorwerk XII abzweigt, entstand die Holzstraße als Zugang zu den Grundstücken der Firmen Louis Pfeil und Blumhardt & Pfander aus Mannheim, Löwenstein, Julius Flunger, Ulm, und Klöpfer & Königer aus München. Letztere stellte 1924 einen Antrag, das Industriegleis von seinem Sägewerk westlich der Holzstraße zu einem Lagerplatz östlich davon zu verlängern. Dort betrieb das Unternehmen auch längere Zeit ein Kyanisierwerk, bei dem Holz durch die Behandlung mit Quecksilberchlorid geschützt werden soll.
Nach dem Krieg wuchs das Industriegebiet trotzt der folgenden Weltwirtschaftskrise weiter. Die Neu-Ulmer Stadtführung hatte erkannt, dass die Zukunft der Gemeinde nicht in seiner Bedeutung als Garnison liegen wird. Es wurde ein Stadtentwicklungsplan in Auftrag gegeben. Diese sog. Staffelbauordnung sah eine Stadterweiterung in 9 Etappen jenseits der Festmauern vor. Die größten Erweiterungsflächen lagen im Osten, im Starkfeld.
1919 bauen die Gebr. Aicham, die seit vielen Jahren ihre Fabrik in der Kasernstraße haben, an der Reuttier Straße eine neue Kehlleistenfabrik. Schon 1921 findet sich in der Industriestraße neben der Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen von Wilhelm Mayer und der Maschinenfabrik Bavaria in zwei weiteren Gebäuden auch die Schultafelkreidefabrik Aubele & Emmerling.
In der Holzstraße hat sich ein Trocken- u. Mahlwerk angesiedelt, das aber bald von der Gerbstoffextraktfabrik Wiedemann & Co. abgelöst wird.
Zum Ende der sog. "goldenen Zwanziger" wird die Holzstraße bis zur Finninger Straße verlängert und es haben sich dort u.a. die Schachtelkäsefabrik Franz Zwick sowie ein Zweigwerk der "Fabrik für gesundheitstechnische Einrichtungen" Gustav Reißer aus Stuttgart niedergelassen. Michael Guther unterhält hier auch einen Holzlagerplatz für seine Brennmaterialienhandlung.
In der Finninger Straße ist nun die Kokosweberei und Seegrasspinnerei von A. Strasser zu einer kleinen Fabrik gewachsen. Mayers-Söhne beziehen nach 1935 das Dampfsägewerk ihres Vaters Karl in ihre Möbelfabrik ein. Die Bayr. Zentral-Darlehenskasse, die später den Namen Bayr. Warenvermitlung BayWa trägt, richtet hier ca. 1925 ein Lagerhaus ein, A.J. Buchert baut ein Dampf-Sägewerk mit Kistenfabrik und Josef Kugelmaier gründet seine Kesselfabrik. Die Reichswollverwertung zieht aus der Söflinger Straße in Ulm auf ein Grundstück, das noch zur Finninger Straße gehört, später dann aber zum Pfaffenweg wird.
Das anfangs einzige Gleis, das in Richtung der Straße nach Reutti zeigte, wird um Abzweige nach Osten erweitert.
Größere Betriebe wie Wilhelm Mayer, die Gebr. Aicham oder die Maschinenfabfik Bavaria, aber auch der Brennstoffhändler Guther gönnen sich ein eigenes Nebenanschlußgleis. Ist der Transportbedarf nicht ganz so groß begnügt man sich mit einem Mitbenutzervertrag oder nutzt das als Freiladegleis ausgewiesene westlich Gleisstück.
1938 siedelt sich nördlich der Wollverwertung die Baumaschinenfabrik Wilh. Reich an. Schon 1931 hatte Franz Zwick gegenüber seine Schachtelkäsefabrik gegründet.
vor 1940
Quelle: BayernAtlas 1940, atlas.bayern.de
Der Zweite Weltkrieg wirft dann auch seine Schatten in der sog. "Heimatfront". Zur Bewirtschaftung der zunehmend rationierten Lebensmittel und anderer Güter richtet die Wehrmacht reichsweit Heeresverpflegungsämter ein. Eines kommt zwischen die Holzstraße und die Illertalbahn. Die dafür neu gebauten Lagerhäuser erhalten einen ausgedehnten Gleisanschluß.
Nach dem Krieg wird dieser zum Werk der Süd-West-Chemie verlängert. Die Wehrmachtsanlagen werden von der Bundeswehr übernommen. In einen Teil zieht das Nährmittel- und Stärkewerk Reisella, in andere Gebäude eine Malzfabrik ein.
Stand ca. 1964
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Im Gegensatz zur französischen und besonders der sowjetischen Besatzungszone, die sehr stark unter den Demontagen und Enteignungen von Fabriken zu leiden hatten, sahen es die neuen Lenker in der amerikanischen Zone als vernünftiger an, die deutsche Volkswirtschaft nach den Vernichtungen des Zweiten Weltkriegs schnell wieder zu stärken.
Das US-Militär beanspruchte dauerhaft große Areale rund um die frühere Ludendorff- und die Reinhardt-Kaserne. Aus der Garnison für die Bundesfestung wird damit eine US-Garnison. Deren Bedürfnisse verstärken den Aufschwung, der Nachkriegsdeutschland zur neuen Blüte verhilft, in Neu-Ulm zusätzlich.
Das Industriegebiet im Starkfeld wächst schnell, besonders nach Süden.
Altansässige Unternehmen wie Wilh. Mayer und die Maschinenfabrik Bavaria erweitern ihr Betriebsgelände an der nun als Stammgleis I bezeichneten Bahnanlage entlang der Industriestraße.
Andere Grundstücke wechseln ihren Besitzer. In die Gerbstoffextraktfabrik Wiedemann & Co ziehen August und Egon Welte mit ihrer Fabrik für Fahrzeugteile und auf dem Holzlager von Klöpfer & Königer entsteht das Reparaturwerk Neu-Ulm der Karl Käßbohrer GmbH. Karl Stadler gründet in der ehemaligen Kesselfabrik von Josef Kuglmeier eine Fabrik für Tankfahrzeuge und die Spedition Honold erweitert durch den Kauf vieler Grundstücke ihre Lagerfläche.
Das hinter den Bavaria-Werken abzweigende Anschlußgleis zur Kyanisieranstalt von Klöpfer & Königer und zur Wollverwertung wird zum Stammgleis II hochgestuft und ab Ende der 1950er Jahre als Stammgleis III über die Finninger Straße hinaus nach Süden verlängert.
Hier bekommen u.a. der Baustoffhandel von Theod. Wölpert, die Spedition Max Renz und der Stahl- und Eisenhandel Possehl ein eigenes Anschlußgleis. Während beim VW-Großhändler Ernst Ströhle Neufahrzeuge mit der Bahn angeliefert werden befüllt wenige Meter weiter der Schrotthändler Adalbert Blaschek Eisenbahnwagen mit den Resten der von ihm zerlegten Altautos.
Um 1963 wird die Zeppelinstraße neu angelegt und über die Dornierstraße mit der Finninger Straße verbunden. Schon kurz nach dem Krieg hatte man den in Ost-West Richtung verlaufenden Teil der Vorwerkstraße in "Im Starkfeld" umbenannt. Seit 1980 heißt die Holzstraße Borsigstraße.
Die letzte Erweiterung erfährt die Industriegleisanlage im Starktfeld 1968 mit dem Bau der Anschlußgleise zu den Milchwerken Schwaben.
Stand ca. 1964
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| Stamm- gleis |
Abzweig | Firma | Adresse | Zeitraum (ca.) |
|---|---|---|---|---|
| I | Mitbenutzer | Blumhardt & Pfander, später Franz Dichtl, Nutzholzhdl. Wilh. Griesinger, Hanfzentrale |
Holzstr. 20 (später Nr. 26) |
ab 1910 ab 1937 - 1979 |
| I | Weiche 203 | Wilh. Mayer, Landmaschinen | Industriestr. 33-37 | 1919 - heute |
| I | Weiche 204 | Bavaria Maschinenfabrik, J.Hilber | Industriestr. 34 | 1914 - 1977 |
| I | Weiche 205 | Guther Brennstoffe danach Spedition Honold |
Holzstr. 21 | 1921 - 1961 |
| I | Weiche 207 | Gebr. Aicham, Bilderleistenfabrik vorher wahrsch. Holzlagerplatz der Möbelfabrik Freyberger |
Reuttierst. 48, später Leibnitzstr. 28 |
1921 - 1990 |
| I | Weiche 208 u. 211 | Klöpfer & Königer, Sägewerk u. Holzhandlung Lager u. Kyanisierwerk |
Industriestr. 14 Holzstr. 22 |
1907 - 1974 |
| I | Weiche 208 | Karl Käßbohrer GmbH, Reparaturwerk Neu-Ulm | Im Starkfeld 1 | 1949 - 2003 |
| I | Gleisende Mitbenutzer |
Daimler-Benz AG, NL Ulm | Industriestr. 4 | 1970 - 2005 |
| I | Weiche 250 | Neu-Ulmer Malzfabrik GmbH Bundeswehr IV |
Pfaffenweg 15 | 1951 - 1997 |
| I | Weiche 251 | Südd. Reismühle, Reisella Stärkefabrik | Pfaffenweg 17-19 | 1951 - 1999 |
| I | Weiche 252 | Bundeswehr I Karl Gaismaier Lebensmittelgroßh. |
||
| I | Weiche 256 | Joh. Held Geflügelgroßh., "Eier Held" / Margarine-Verkaufs-Union danach zu Süd-West-Chemie gehörig |
Pfaffenweg 20 | 1959 - 1968 |
| I | Weiche 259 | Süd-West-Chemie | Pfaffenweg 18 | 1946 - heute |
| II | Weiche 209 | Aug. Welte, Fahrzeugbau | Ahornstr. 1 | 1949 - heute |
| II | Weiche 209 Mitbenutzer |
Wilh. Wockenguß, Landmaschinenvertretung Konrad Unseld, Kohlenhandel Ernst u. Ilse Häcke, Bauunternehmung DEA |
||
| II | Weiche 210 | Gustav Reisser KG, Armaturenfabrik "NIAMA", Stuttgart-Untertürkheim | Holzstr. 25, später Finninger Str. 69 |
1929 - 1979 |
| II | Weiche 211 | Honold KG, Spedition | Im Starkfeld 47 | 1949 - heute | II | Weiche 211 Mitbenutzer |
Karl Mansdörfer, Kraftfutterfabrik danach zu Honold gehörig |
Im Starkfeld 45 | 1949 - 1966 |
| II | Weiche 212 | Deutsche-Gasolin-Nitag AG/Aral AG, Tanklager | Holzstr. 18 | 1949 - 1974 |
| II | Weiche 213 | Hans Reiner, Eisengroßhandel | Holzstr. 12 | 1949 - 1974 |
| II | Weiche 214 | BayWa, landw. Genossenschaft | Im Starkfeld 46 | 1951 - 2011 |
| II | Weiche 216 u. Weiche 218 |
Wilh. Reich, Maschinenfabrik | Paffenweg 21 | 1938 - 1980 |
| II | Weiche 216 Mitbenutzer |
Haushaltsbedarf GmbH, Wick Hans Römer Lederwarenfabrik, Werk II Theod. Maier & Co. Elektromaschinenbau |
Im Starkfeld 48 / 50 später zur BayWa geh. |
1949-1951 1951 - 1964 1949 - 1974 |
| II | Weiche 217 | F. Zwick, Union Käsewerk/Milkana | Holzstr. 8 | 1931 - 2001 |
| II III |
Weiche 219 u. Weiche 410 |
Josef Kuglmeier Kesselfabrik danach Karl Stadler KG, Tankfahrzeuge |
Finningerstr. 50 | 1925 - 1939 1949 - 1990 |
| II | Weiche 221 u. Weiche 222 |
Reichswollverwertung Deutsche Wollverwertung GmbH |
Finningerstr. 60 | 1935 - 2000 |
| II | Weiche 223 | A. Strasser, Kokosweberei u. Seegrasspinnerei | Finningerstr. 56 | 1929 - 1996 |
| III | Mitbenutzer | Albert Mutschler, "Möbel-Mutschler" | Vorwerkstr. 6-8 | ab 1951 |
| III | Weiche 411 | Deutsche Bundespost, Fernmeldebaubezirk Neu-Ulm | ||
| III | Weiche 408 | Theod. Wölpert, Baustoffe | Finninger Str. 61-63 | 1967 - heute |
| III | Weiche 407 | Max Renz, Spedition | Pfaffenweg 34, später Leibnitzstr. 9 |
1968 - 1996 |
| III | Weiche 406 | Possehl, Eisen u. Stahl | Zeppelinstr. 2 | 1966 - 2005 |
| III | Weiche 405 | Ernst Ströhle, VW-Großhandel, Ersatzteillager, danach Daimler-Benz Ersatzteillager |
Zeppelinstr. 4 | 1961 - 1977 |
| III | Weiche 404 | Stadtwerke Ulm | ||
| III | Weiche 403 | Kurt Lätzsch, Mineralöl- u. Heizölhandel | Zeppelinstr. 6 | 1966 - heute |
| III | Weiche 403 | Wilh. Gallion KG, Großhandel | Zeppelinstr. 8 | 1968 - 2001 |
| III | Weiche 402 | Anton Pettrich KG, Lebensmittelgroßhandlung danach BLV |
Zeppelinstr. 10 | 1968 - 1989 |
| III | Weiche 401 | Adalbert Blaschek oHG danach Götz Schrott und Metalle |
Zeppelinstr. 12 Zeppelinstr. 32 |
1966 - 1979 1979 - heute |
| III | Weiche 400 | Milchwerke Schwaben | Reuttier Str. 142 | 1968 - heute |
| III | Gleisende Mitbenutzer |
Gebr. Hänger OHG, Möbelvertretung | Kleiststr. 7-11 |
Die Angaben stammen überwiegend aus Plänen der SWU und sind nicht belegt bzw. vollständig.
Jahreszahlen geben an, in welchem Zeitraum die Firma an diesem Standort nachweisbar ist. Die genauen Daten, wann die einzelnen Anschlußgleise angelegt, benutzt und aufgegeben wurden, sind nicht bekannt.
![]() Rest des Ausziehgleises beim ehem. Heeresverpflegungsamt (2004) |
ehem. Hanfzentrale Griesinger (2019) |
Ladelehre zur Überprüfung des Lichtraumprofils (2019) |
![]() Ende Stammgleis I an der Reuttier Straße (2004) |
Abzweig Stammgleis II (2019) |
Kreuzungsbereich Borsigstraße (2019) |
Kreuzungsbereich zur Straße "Im Starkfeld" hinter dem Mutschler-Parkhaus (2019) |
![]() Kreuzungsbereich "Im Starkfeld" (2019) |
Hinter dem heutigen METRO Großmarkt (2019) |
ehem. Abzweig zur Dt. Wollverwertung (2019) |
Kreuzung Finninger Straße (2019) |
Kreuzung Pfaffenweg Richtung Süden(2019) |
Kreuzung Pfaffenweg Richtung Norden (2019) |
Weiche 406 bei Possehl (2019) |
Kreuzung Zeppelinstraße (2026) |
Unter der B 10 (2026) |
Kreuzung Dornierstraße (2026) |
![]() Stammgleis III auf Höhe Schwaighofen (2005) |
Abstellgleise bei den Milchwerken Schwaben (2019) |
![]() Abschluß der Industriegleisanlage vor dem Bahnübergang Reuttier Str. (2004) |